WR Kopf


Westfälische Rundschau
Montag, 23. Mai 2005
  Werther muss draußen bleiben


Von Anke Demirsoy


Stefanie Schaefer als Charlotte in
der Wuppertaler Inszenierung von
Jules Massenets Oper "Werther".
(Bild: Milena Holler)

   Wuppertal. Alles ganz schön dunkel hier. Von Beginn an scheint der Winter an die Fenster der großen, kahlen Mansarde zu klopfen: Nur Sophie, Charlotte und die Kinder bringen etwas Wärme und Leben in die Stube. Ein Schwärmer, ein Unbehauster wie Werther hat an solchem Ort keine Chance.

Die Wuppertaler Neuinszenierung von Jules Massenets Oper zeigt Goethes tragischen Helden als einen, der draußen vor der Türe steht.


Ein Doppelgänger, möglicherweise der Dichter selbst, beobachtet sein glückloses Alter Ego aus der Ferne. Auch an anderer Stelle arbeitet das Regie-Gespann Susanne Boetius/Jürgen Tamchina mit Spiegelungen und Schattenrissen, um die Fatalität des Geschehens herauszuarbeiten. Zum optischen Leitmotiv wird der Totengräber, der sich im Hintergrund mit seinem Spaten ans Werk macht.

Beinahe spanisches Flair verströmt der zweite Akt im spartanisch eingerichteten Wirtshaus, wo sich die Personen als harte Silhouetten vom intensiv orangenen Licht abheben (Bühne: Hans Dieter Schaal). Aber Charlotte, die bei ihrem ersten Auftritt fast aussieht wie eine Carmen, ist nach drei Monaten Ehe kaum wiederzuerkennen. Statt im feuerfarbenen Kleid erscheint sie nun im züchtigen Kostümchen, die dunkle Lockenmähne ist zur sittsamen Frisur hochgesteckt (Kostüme: Erika Landertinger). Zwei Seelen wohnen, ach, in ihrer Brust.

Psychologisches Kammerspiel

Folgerichtig und ohne Überraschungen führt die Regie das Drama dem Ende entgegen. Sie leistet den zeitlos-unauffälligen Rahmen für ein psychologisches Kammerspiel, zeigt aber immerhin deutlich, dass Glück ab einem gewissen Punkt auch von persönlicher Entscheidung abhängt. Denn Werther, ganz auf seine Gefühle für Charlotte fixiert, ist für alles andere taub, zerknickt Sophies Blumen und reißt so auch andere hinein in sein Leiden.

Gefühlsausbrüche des Ensembles

Respekt gebührt dem Sänger-Ensemble, das diesen Werther ohne die Unterstützung von Gästen stemmt und sich erstaunlich vehement in die großen Gefühlsausbrüche von Massenets Musik hinein steigert. Edgardo Zayas, der als Werther zuweilen mit den französischen Nasal-Lauten kämpft, konzentriert sich ganz auf die melodische Linie und bezwingt die schwere Partie letztlich durch kluge Einteilung seiner Kraft.

Kay Stiefermann (Albert) begegnet dem Bohemien mit leicht polterndem Wohlwollen. Michaela Maria Mayer erreicht die jugendlich-heiteren Höhen der Sophie nicht immer ohne Anstrengung, aber sie macht durch darstellerischen Einsatz wett, was ihr an anderer Stelle fehlt. Wie warm und biegsam indes Stefanie Schaefers Charlotte klingt, wie sie deren Gewissenskonflikt bis in Ausbrüche der Verzweiflung hinein differenziert und kultiviert ausformt, das bewegt lange über die stark gelungene Briefszene hinaus.

Am Dirigentenpult zeigt Kapellmeister Enrico Delamboye, warum ihm die nächste Spielzeit einen Karrieresprung an die Kölner Oper bringt. Die Wuppertaler Sinfoniker laufen nach zaghaftem Beginn zu Form auf, bieten Zärtlichkeit und Überschwang, bäumen sich drohend auf, wenn es zur letzten Begegnung der Liebenden kommt.

Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein? Aber nein, so heißt es in einem anderen Stück. Fragen wir lieber mit Werther: "Pourquoi me reveiller? - Warum mich aufwecken?"

Termine: 2., 9., 24., 29. Juni. Karten: 0202 / 569 44 44.



Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Milena Holler
Charlotte

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