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Kölner Stadt-Anzeiger
Mittwoch, 04. Juni 2003
Das freudlose Leben der Jugend
VON M. STRUCK-SCHLOEN, 03.06.03, 07:26h



Alltägliche Grausamkeit: Raimund Fischer, Tina Hörbold, Dariusz Machej und Frederike Meinel (v.l.) singen Das Werk des Wiener Komponisten beruht auf dem Stück von Rainer Werner Fassbinder.
„Eigentlich bin ich doch ein harmloser Mensch.“ Gewöhnlich geben zeitgenössische Komponisten den Journalisten solche verbalen Steilvorlagen nicht. Im Falle des bald 68-jährigen Kurt Schwertsik aber ist Vorsicht geboten. Denn entweder ist der kleine Mann mit den schelmischen Augen wirklich so harmlos, wie es seine von Schlagern, Volksmusik und Operettendudelei durchsetzte Musik manchmal nahe legt; oder Werk und Mensch sind ein abgekartetes, hintergründiges Spiel mit Klischees, deren Harmlosigkeit nicht zu trauen ist.

Immerhin stammt Schwertsik aus Wien, der tiefsten Schlangengrube des schwarzen Humors, wo sich der hauptberufliche Hornist in den sechziger Jahren angewidert von der „seriösen“ Avantgarde abkehrte und lieber den alltäglichen Wahnsinn seiner Landsleute aufs Korn nahm. Aus dem deutschsprachigen Süden stammt auch der Stoff für Schwertsiks neue, in Wuppertal uraufgeführte Oper - aus dem Bayern der späten sechziger Jahre. Aber in der Geschichte vom „Katzelmacher“, die der junge Rainer Werner Fassbinder erst auf dem Theater und 1969 im Film erzählte, verschanzt sich hinter der erschreckend realen Harmlosigkeit der Figuren ein explosives Gemisch aus Unzufriedenheit, Unbildung und (schließlich ausbrechender) Aggression.

Irgendwo in der südlichen BRD-Provinz fristen acht junge Leute ein freudloses Leben. Meist hängen sie untätig herum, schwadronieren in einer armseligen, gewaltsamen Sprache über Sex, Bier und Berufsfrust. Das ändert sich, als der griechische Gastarbeiter Jorgos ins Dorf kommt, den man in geografischer Großzügigkeit für einen Italiener - einen „Katzelmacher“ - hält. Jorgos versteht kein Deutsch, begreift auch sonst wenig und kann sich gegen den allmählich hochkochenden Zorn nicht wehren. Schon bald hagelt es Vorurteile über seine sexuelle Potenz, seinen angeblichen Kommunismus, seine kriminelle Energie. Natürlich ist nichts davon bewiesen. Doch der Fremde ist das geeignete Objekt, um seinen Frust abzuladen - bis hin zur brutalen Attacke auf den Unruhestifter. Ein lakonischer, stellenweise grotesker Versuch über das Volksvermögen also, der mit seinen Themen Ausländerhass, wirtschaftliche Ungerechtigkeit und spießige Doppelmoral leider aktuell geblieben ist.

Schwertsiks Oper, die sich ziemlich wortgetreu an Fassbinders Vorlage hält, übernimmt die Technik der kurzen Filmschnitte und lässt die immer gleichen Schauplätze zusammen mit einer stets wiederkehrenden Musik in einem Strudel alltäglicher Grausamkeit kreisen. Da wechseln im klein besetzten Orchester Schnulzen, landestypische Blaskapellen-Anklänge, Ensembles à la Lortzing, griechische Tänze, melancholische Flächen in schneller Folge. Martin Braun hält das Sinfonieorchester Wuppertal auf Trab, das Sängerensemble liefert feine Charakterporträts. Die Frage, ob Schwertsiks unkomplizierte Partitur Fassbinders Anklage-Haltung nicht allzu sehr in eine feucht-fröhliche Heimatposse verwandelt, müsste die Regie mitentscheiden.

Der Wuppertaler Hausherr Gerd Leo Kuck aber, der das 80-minütige Stück selbst auf die Bühne brachte, nimmt weder politisch Stellung noch spitzt er Schwertsiks Hang zur Jahrmarktsgroteske zu. Gespielt wird meist an einem Geländer auf der Vorbühne (Herbert Kapplmüller), hinter der sich ein bedrohlicher Abgrund auftut. Doch statt zuweilen auch in die Abgründe des Stücks oder der Charaktere zu leuchten, wird gestanden, gesungen und selbst die brutale Attacke auf den Fremden liebevoll choreografiert - eine verschenkte Chance.
 

(KStA)
 



Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Milena Holler
Helga

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