Berliner Zeitung
vom Samstag, 8. Juni 2002
 


Ressort:  Feuilleton
Autor:  Klaus Georg Koch

Nach Mozart Alarm

Achim Freyer hat die Uraufführung von Salvatore Sciarrinos "Macbeth" in Schwetzingen inszeniert

Mit dem Hinweis, sein "Macbeth" sei nichts weiter als ein Ensemble von "drei Akten ohne Namen", in denen ruchlose Taten von solcher Gewalt begangen werden, "dass nicht Zunge, nicht Herz sie auszusprechen wagen", hat Salvatore Sciarrino einen Kordon des Schweigens um sein neues Werk gelegt, gegen den Lärm der Sprache und der Leidenschaften, den man "Oper" zu nennen sich angewöhnt hat. Und doch liegt das Wunder dieser namenlos-stillen, am Donnerstag über zwei Stunden in Schwetzingen uraufgeführten Oper in nichts Geringerem, als dass in ihr gesungen wird.

Es ist nicht jenes Singen, das in weiten Linien den klingenden Körper leidenschaftlich bis an seine Grenzen spannt. Es kennt keinen Text, dem es dienstfertig Flügel verliehe. Es ist aber auch nicht jenes "moderne" Singen, das den traditionellen Gesang bis hinein in die Physiologie der Klangerzeugung zerbricht. Sciarrinos Singen scheint abzusehen vom Leitbild jedweder Natürlichkeit, auch jener einer Gegenwart, die sagt, "so wie wir als Romantiker waren, sind wir nicht mehr, und deshalb ist es mit dem Tönen der Innerlichkeit Schluss".

Das Singen in diesem "Macbeth" ist zum einen reine Künstlichkeit, rossinianisch gewissermaßen, aber ohne dessen Spiel mit dem Aberwitz der Virtuosität und der Maschinisierung der Figuren. Der Text Shakespeares ist da, wird jedoch nicht vertont, sondern sofort rein musikalischen Formbildungen unterworfen.Im ersten Akt etwa schickt Macbeth einen Diener nach seiner Frau und bleibt dann am Ausdruck seines Wunsches hängen: So wird jenes "Si, si, vieni, vieni" zum Gegenstand eines rhythmisch beschwingten Spiels mit langen, schweren und kurzen, leichten, leisen Silben, mit kurzen und mit längeren Pausen, mit ganz kleinen und mit etwas größeren Intervallen - ein Spiel im Übrigen, das zwar der Psyche der Figur zu entspringen scheint, das in seinem formalen Eigensinn mit dem Ausdruck einer Innerlichkeit aber nichts zu tun haben will. Auf der anderen Seite sind in diesem Spiel mit Schwerpunkt und Erleichterung, mit Stauung und Befreiung, Zerstückeln und Gleiten Sprache und Sänger auch in ihrem Physiologischen, Körperhaften ergriffen, ähnlich der italienischen Madrigalkunst des ausgehenden 16. und frühen 17. Jahrhunderts, in der sich Affekt, sportliche Sprecherfahrung und ein neuer Sensualismus des Sprachklangs zu musikalischer Form verbanden.

Am trefflichsten ist dieser Gesang von dem Bassbariton Otto Katzameier verwirklicht worden, denn zu jener aus Künstlichkeit und aus der Abweisung der romantischen Psychologie entstehenden Archaik ist in seinem Fall eine betont körperhafte, resonanzreiche Stimme getreten, die die dramatische Gegenwart der Figuren eindrucksvoll beglaubigt. Sciarrinos Oper gewinnt dadurch etwas, für das die kleine Bühne des kleinen Schwetzinger Schlosses wie prädestiniert erscheint: etwas Persönliches, Intimität, und auch darin wird, verstärkt durch die kleine Besetzung, an die Ursprünge der Oper unnostalgisch erinnert.

Die Inszenierung durch Achim Freyer hat diese Anregungen einer engagierten, durchs Hören belebten Archaik aufs Glücklichste umgesetzt. Der Raum, den sie in einigen Kreidestrichen nur andeutet, setzt sich nach allen Seiten in Kabinetten und Nischen fort - Anklang an eine höfische Architektur der Herrschaft, aber auch an die komplizierte Tektonik jener Subjektivität, mit der wir auch heute noch leben. Hinzu kommt ein virtuoses, technisch fast perfektes Spiel mit der Verwirrung der Sinne. Freyer spielt mit den Ideen der Erscheinung (nach Shakespeare) und der Gaukelei (nach Herkunft des Theaters), arbeitet mit stürzenden Linien, zugespitzten Perspektiven, optischen Täuschungen bis zur Verwirrung der Dimensionen: Figuren treten aus der Bühnendecke heraus, werden in den Raum gekippt oder singen, als stünden sie waagerecht auf der Wand.

Die Uraufführung ist gemeinsam mit der Oper Frankfurt und dem Festival Musica per Roma produziert worden und daher auch an anderem Ort noch zu sehen - glücklicherweise, denn selten hat man bei einer Uraufführung Inszenierung und Komposition sich gegenseitig so erhellen gesehen. Das Theaterhafte bricht an einer der schauerlichsten Stellen des "Macbeth" auch aus der Partitur, als bei der Erscheinung des Geistes Banquos die Schauermusik aus Mozarts "Don Giovanni" für Momente erklingt. Die stürzenden, sich zuweilen überlagernden Perspektiven des Bühnenbildes wiederum entsprechen dem, was der Komponist durch die räumliche Verschiebung zweier Orchester vor und hinter der Bühne erreicht - einen atmosphärischen, geräuschreichen, in seinen Konturen nie recht identifizierbaren Klang. Sciarrino, der gegen die Vatermorde der Nachkriegs-Avantgarde und gegen den ziellosen Relativismus der Gegenwart seine produktive Nähe zur Tradition immer betont hat, scheint sich zuletzt auch immer mit Blick auf Verdi und dessen "Macbeth" bewegt zu haben. Nicht so sehr durch das kurze Zitat aus dem "Maskenball" nach der Erscheinung Banquos. Bei Verdi flackern die schrillen Auftritte der Piccolo-Flöten über das insgesamt recht finstere Timbre der Oper, bei Sciarrino herrscht das Dunkel von Anfang an vor, und meist hört man die Flöten nur noch mit hohlem Anblasgeräusch, außer in der Geisterszene, wo zwischen den Zitaten aus der Musikgeschichte die Alarmanlage anspringt und die Flöten ins kreischende Register fallen.

Den Zeitgenossen Verdis ist damals im "Macbeth" die Gesangserfindung aufgefallen, negativ zumeist in der Wahnsinnsszene, in der Verdi die Dekomposition einer Figur beschreibt und auf die fällige Arie für die prima donna verzichtet. Für Sciarrino ist der Wahnsinn, jener namentlich einer sich selbst genügenden Macht, inzwischen universal. Er hat ein politisches Stück geschrieben, auch hier, ohne sich von den Verlockungen der Identifikation, der ästhetischen Parole beeindrucken zu lassen. Den Untaten der Macht, die "dem alten Geruch des Blutes" folgten, habe er ein stilles Gedenken bewahrt.

Die Besetzung // Uraufführung bei den Schwetzinger Festspielen, 6. Juni 2002 Salvatore Sciarrino "Macbeth" Inszenierung und Bühnenbild Achim Freyer Kostüme Amanda Freyer Musikal. Leitung Johannnes Debus Darsteller Annette Stricker (Lady Macbeth / Sergeant / Banquos Sohn), Otto Katzameier (Macbeth/ Duncan/ Höfling), Sonia Turchetta (Mörder / Bote / Banquo / Geist), Richard Zook (Diener), Thomas Mehnert (Macduff / Soldaten / Stimmen I und II), Gabriele Hierdeis, Stefanie Schaefer, Vanessa Barkowski, Christof Hierdeis, Johannes Schendel, Helmut Seidenbusch (Höflinge). Mitglieder des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart.