Frankfurter Allgemeine Zeitung
Samstag, 08.06.2002
Von ELEONORE BÜNING

 

Bösenachtgeschichte

Die atemraubende Uraufführung von Salvatore Sciarrinos neuer Oper "Macbeth" in Schwetzingen

Das Entsetzen dauert die Ewigkeit einer knappen Minute. Greller Querflötenschrei, im Stakkatotremolo herausgeschleudert, hoch in der dreiund viergestrichenen Oktave. Darunter der dunkel nagende Dauerschmerz eines dissonanten Streicherclusters, hart am Steg geschrappt. Dazu das Dröhnen hammertraktierter Stahlplattenglocken. Eine unwiderstehlich-unerträgliche Mixtur entsteht: nicht der Gesang der Sirenen, eher der des Medusenhaupts. Er läßt das Blut in den Adern gefrieren und nagelt die Ohren an den Boden. Menschen sind machtlos dagegen.

Man sieht zwar, wie sie hinter der aus dem Orchestergraben wachsenden akustischen Horrorwand immer noch die Münder bewegen. Man hört wie aus weiter Ferne ihre Schreie. Aber man versteht nicht: Was ruft das bleiche, blutige Gespenst des Banquo, der die Wand hochlaufen kann wie ein großes Insekt, dem König Macbeth zu? Was kreischt, aus dem Abgrund ihrer schwarzklaffenden Kehle, die lemurenhafte Lady? Und was der Chor der gesichtslosen, goldglitzernden Hofgesellschaft? Wenn dann das Getöse in sich zusammenfällt und abgelöst wird von einem gefällig-zarten Violinenornament, ist der Schrecken keineswegs überwunden. Das Fest geht weiter. Alsdann wird die Lektion einmal wiederholt und noch einmal.

Seit je war das Prinzip der Wiederholung eines der auffälligsten Stilmittel gewesen in der Musik des sizilianischen Komponisten Salvatore Sciarrino: Fast jeder seiner Melodiefetzen hat sein Echo oder einen Schatten, der ihm vorausläuft. Auch noch die kleinteiligsten Musikbausteine - ein sekundweise absteigendes Lamentomotiv, ein klagend abtauchender Mordent - kehren in Klangvarianten vielfach wieder in seinen Partituren. Diese Da-capo-Marotte sowie ein äußerst feinstufiges, farblich raffiniert abgetöntes Pianissimo sind so etwas wie die kompositorischen Erkennungszeichen Sciarrinos, der sich selbst gerne als Autodidakt bezeichnet, tatsächlich nie einer Schule oder Seilschaft angehört hat und gleichwohl bei Ricordi verlegt wird. Seine Opern konnten verblüffende Erfolge verbuchen just in jüngster Zeit. Kann sein, Sciarrinos morbide, der Selbstauflösung zustrebende Echoklänge haben auch etwas eingängig Gefälliges, modisch Suchterregendes. Jedoch erzeugen diese Wiederholungsorgien kein minimalistisches Continuo, dazu fehlt ihnen der ordnende Halt eines regelmäßig durchlaufenden Grundrhythmus. So handelt es sich eher um eine Art zart-beharrliches Weiterbohren in offener Wunde.

Auch im "Macbeth", seiner neuesten, dreiaktigen Oper, die nun als Auftragswerk in Koproduktion mit der Oper Frankfurt und dem Festival Musica per Roma bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführt wurde, inszeniert von Achim Freyer und mit Kostümen von Amanda Freyer, taucht man alsbald wieder tief ein in diese spezifische Klangwelt: dasselbe verhauchende, ersterbende Bläserstöhnen wie in seiner Oper "Luci mie traditrici" (Meine verräterischen Augen), unter dem Titel "Die tödliche Blume" vor vier Jahren in Schwetzingen uraufgeführt, die das Absterben des Belcanto vorführte und seither schon fünfmal nachinszeniert worden ist. Die gleichen wispernden, flüsternden, im Flageolett erstickenden Streichertöne wie etwa im "Lohengrin" (1984), der der somnambul monologisierenden Sopranpartie halber besser "Elsa" hieße und neuerdings wieder an den Bühnen reüssiert. Und wieder die typischen, im Labyrinth der barocken Ornamentik sich verlierenden Sciarrino-Vokallinien. Der junge, frisch als Kapellmeister an die Frankfurter Oper berufene Dirigent Johannes Debus führte die teils auf die Hinterbühne, teils auf den Graben verteilten Soloinstrumentalisten des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart mit gelassener Umsicht. Er bot den Sängern, selbst wenn sie kopfüber an der Wand hingen, stets musikalisch sicheren Halt. Und ließ dabei aber weder die fragile Klangbalance außer acht noch die Ausmodellierung der gespensterhaft ineinandergreifenden Klänge. Und die durchaus schon sciarrinoerfahrenen Solisten Annette Stricker (als souverän die Grenze zwischen Sopranschärfe und heiserer Hysterie überschreitende Lady Macbeth) und Otto Katzameier (vom Bariton bis ins Falsett kippend: ein heldenhafter Macbeth) bewältigten ihre schwierige Partien genauso überzeugend wie die auf drei Nebenfiguren reduzierte Entourage.

So schien die Uraufführung zunächst zur glanzvollen Wiederholungstat zu geraten. Diesmal allerdings, mitten in der Achse seines spiegelsymmetrisch angelegten neuen Werkes, komponierte Salvatore Sciarrino das längste, lauteste und widerwärtigste Fortissimo, welches je in einem seiner Stücke und womöglich überhaupt je im Schwetzinger Rokokotheater erklungen ist. Und er fügte, als waghalsigen Verstoß gegen den guten Geschmack, dazwischen gar noch direkte Mozart- und Verdi- Zitate ein. Dabei gilt Sciarrino sonst allgemein, wie Feldman oder Nono, als ein Meister der Auslassung, der auskomponierten Pausen und Diminuendi, als ein Anwalt der Stille und des klagenden Lieds. Aber man täusche sich nicht. Dahinter brüllte schon immer das Fortissimo seiner humanisierenden Botschaften.

In der "Blume" wie auch diesmal wieder in "Macbeth" geht es nämlich um uralte Bösenachtgeschichten: archaische Stoffe, oft benutzt, die gleichwohl immer wieder erzählt werden müssen, weil sie an Grundübel der Menschheit rühren. Sciarrino schreibt sich seine Libretti selbst, er reduziert diese Stoffe zu Parabeln und versenkt sie noch einmal neu ins Unbewußte. Denn die Musik, so erklärt er, gehöre ebenjenem Grenzbereich an: "Wie die Träume, in denen etwas ist und noch nicht ist."

Auch "Macbeth", an dem er mit Unterbrechungen fast fünfundzwanzig Jahre gearbeitet hat, erzählt von psychischen Deformationen. Der Machtgierige erliegt dem Mechanismus der Macht, er wird vom Täter zum Opfer, mordet und wird ermordet. Diese Parabel ist zeitlos, sie hat Parallelen bis in die jüngste Gegenwart der Golf- und Balkankriege, und so bildet das Programmbuch passenderweise die Parade macbethfähiger Gewaltherrscher ab, von Nimrod über Dschingis-Khan und Robespierre bis hin zu Mao und Bokassa. Auf der Bühne des Schwetzinger Rokokotheaters dagegen hat Achim Freyer recht getreu nach den Anweisungen der Partitur einen gänzlich zeitlosen und realitätsfremden Raum für den individuellen Albtraum gebaut: Macbeth agiert in einem Gefängnis aus schwarzen, sich stark nach hinten verjüngenden Wänden, rundum bemalt mit federstrichweise angedeuteten Arkadengängen und halbrunden Supraporten-Fenstern.

Wie in einem Suchbild führen Freyers Perspektiven das Auge in die Irre. Ganz so, als ließe sich dieser nachtschwarze Schuhkarton virtuell umkippen und als würden die Wände zum Boden, die Decke zur Wand werden, öffnen sich seitlich die Dachluken, drunten die Fenster. Freyer läßt die Figuren mittels raffinierter, nur leise quietschender Bühnenmaschinerien direkt aus der quer an die Wand gemalten Tür treten. Da die Bühne außerdem zum Hintergrund hin verkürzt ist, verschieben sich die Größenverhältnisse auf irritierende Weise: Wie Gulliver bei den Zwergen steigt Macduff (Thomas Mehnert) von hinten durch die Rückwand und verkleinert sich beim Näherkommen auf Menschenmaß. Wie ein Riesenbaby versinkt die Lady nach ihrer Wahnsinnsszene im Bett ihres Bühnenhintergrund. Wie man es auch dreht und wendet: Aus dieser Geisterbahn gibt es kein Entkommen - außer vielleicht, die ganze Welt stürzte ein. Aber selbst dieser depressive Trost ist den Macbeth' versagt. Diese Story kennt kein Ende. Besiegt, getötet, tauscht, wie am Anfang der Oper, das Opfer wiederum Maske und Krone mit dem Mörder. Und das Spiel beginnt von vorn.