Frankfurter Rundschau
Montag, 10.06.2002

Blutentzug

Reduktion als Prinzip: Sciarrinos neue Oper "Macbeth" in Schwetzingen

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Mitten im sich auffüllenden Alpentief bescherte der chaostheoretisch kapriziöse Petrus vor den Aufführungsstunden über dem Schwetzinger Schlosspark blauen Himmel und Abendsonne. Im Rokokotheater tagte es düsterer mit Mord und Blut: Uraufführung der Shakespeare-Oper Macbeth von Salvatore Sciarrino (Koproduktion mit der Oper Frankfurt und dem Festival Musica per Roma). Dazu noch eine finstere Eröffnung: Regisseur Achim Freyer hatte wegen schwerer Erkrankung seine Inszene nicht zu Ende führen können. Eindringlich sein schwarzes Bühnenbild mit Perspektive simulierenden (oder unterstreichenden) Kreideeinzeichnungen, Vexierspiel zwischen vorgetäuschter und wirklicher Räumlichkeit. Die Akteure manchmal horizontal in verschiedenen Höhen über dem Bühnenboden hängend, die Hexen aus Deckenluken äugend. Bizarre Masken und Kostüme (Amanda Freyer). Ein nichtaristotelisches Theater, magisch, rituell, streckenweise fernöstlich inspiriert. Daher bezieht Freyer wohl auch das bei ihm schon vertraute Pathos grotesker Requisiten (etwa riesiger Pappschwerter).

Zunächst könnte man meinen, Sciarrino interessiere am (dreiaktig gegliederten) Drama eher a couple of side-views, das Fixieren und Auskosten enigmatischer Textstellen, die ins Skurrile getriebene Selbstreflexion abseits der Aktion. Einiges verläuft schemenhaft schnell, dann wieder gibt es ins Unendliche gedehnte Augenblicke. So die Wahnsinnsszene der Lady (stimmdisziplinierte Ikone maschinisierter Harpyenhaftigkeit: die Sopranistin Annette Stricker), beträchtlich länger als der entsprechende Verdiauftritt und in litaneiförmig leiernden Anläufen auf exquisite Art penetrant.

Zumindest als äußerlicher Höhepunkt fungiert aber doch das Bankett. Hier wird der Topos Verdi'scher Festmusik à la Rigoletto oder Traviata farcenhaft beschworen (Saxophonstöße), auch etwas zu ungezwungen mit Opernzitaten (Don Giovanni) hantiert. Ansonsten ist Sciarrinos Musik mehr noch als in früheren Werken von einer unheimlichen Sogkraft. Radikale Reduktion als Prinzip. Kaum Motivik oder erkennbare "Struktur", dafür verwehte oder peitschende Klänge und Geräusche, weniger illustrierend als verfremdend, interpunktierend - gleichwohl atmosphärische Verdichtung schaffend. Im apart besetzten kleinen Stuttgarter Radioorchester des SWR (hellhörige Leitung: Johannes Debus) nur selten Tutti, zumeist ein solistisches Zirpen, Atmen, Fauchen, Jaulen, Klopfen, Wispern, Knuspern. Von eminenter Originalität die Vokalsphäre, ein mit herkömmlicher Kantabilität oder Expression brechendes vogelartiges Artikulieren, preziös und künstlich, von fragiler Konsistenz, giftiger Ornamentik, entrückter Unbeirrbarkeit, flirrender Eleganz. Auch damit ist den Figuren alles Theaterblut entzogen, teilen sie sich mit als faszinierende theatralische Wesenheiten im Niemandsland zwischen Puppe (Freyers sensible Personenführung akzentuiert das), Larve und Archetyp. In dieser Rahmung verbleibt auch der minuziös in ein gewissermaßen unpersönliches Wahnsystem traumwandlerisch eingeschlossene Macbethsänger des in Piano-Schattierungen exzellierenden Otto Katzameier.

Zum Schluss bestätigt Sciarrino seinen Abschied von der Tragödienkonvention mit einem reflektierenden Epilog des unsichtbaren Vokalensembles vor leerer Bühne. Shakespeare, der theatralische Universalist, liefert auch für diese Umlenkung in Katharsisvermeidung die richtigen Worte.

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Dokument erstellt am 09.06.2002 um 21:06:01 Uhr Erscheinungsdatum 10.06.2002