Mannheimer Morgen
Samstag, 08.06.2002

Von Stefan Koch
 

Der ewige Kreislauf todbringender Besessenheit
Achim Freyer inszenierte Salvatore Sciarrinos "Macbeth"
als Uraufführung bei den Schwetzinger Festspielen

Wo Gewalt herrscht, gerät die Welt aus dem Lot. Wie in einen gekippten Turm blicken wir in einen tiefen, schwarzen Bühnenkasten, der sich nach hinten zu einer Klappe verengt. Krabbelt hier jemand herein, richtet sich auf, wirkt er in der Entfernung größer als aus der Nähe. Eine deformierte Perspektive eben für Menschen ohne Maßstäbe. Und oft auch ohne Bodenhaftung: seitwärts ragen sie aus den Kastenwänden heraus wie waagrechte Zeiger, als sei der Turm noch einmal auf die Seite gelegt. Die Welt ohne oben und unten. Kein Wunder. Denn in ihr mordet sich Macbeth an die Macht, getrieben von seiner Lady, mehr und mehr eingewoben in die unheilvolle Melange aus schlechtem Gewissen und Machtrausch.

Seit den 70er-Jahren geht "Macbeth" in Salvatore Sciarrino um. Jetzt hat er ihn komponiert, die Uraufführung im Schwetzinger Rokokotheater war ein durchschlagender Erfolg zum Beschluss der Festspiele, wobei Achim Freyers Inszenierung ebenso unter die Haut geht wie die Musik des Italieners, der mit seiner "Tödlichen Blume" 1998, ebenfalls in Schwetzingen uraufgeführt, schon bewiesen hatte, dass er fürwahr ein Komponist von Weltgeltung ist.

Es sind drei "namenlose Akte (nach Shakespeare)", als die Sciarrino seinen "Macbeth" kennzeichnet. Keine Literaturoper also, sondern ein Destillat aus wichtigen Begebenheiten des Stoffes, der hier als zeitloser Mythos einer todbringenden Besessenheit erscheint. Wie Freyer ein archetypisches Spiel voll stilisierter Gesten und gesichtsloser, weil weiß geschminkter Masken zelebriert, so taucht Sciarrino die für ihn sich ewig drehende Spirale um Macht und Massaker in seine typische Klangwelt der stenogrammhaften Klangkürzel, wie sie die zwei klein besetzten Orchester (eins sitzt unsichtbar hinter der Bühne) aneinander fügen und in die hinein die Stimmen ihre knappen Koloraturen, winzigen melodischen Fetzen und huschenden Ornamente weben.

Ganz leise ist die Musik, über weite Strecken jedenfalls, aber schon nach ein paar Minuten zieht sie den Hörer in sich hinein. Dann wird das beiläufigste Windgeräusch eines Bläsers zum aufregenden Klangereignis, geraten zwei, drei gezackte vokale Linien zum stürmischen Ausdruck innerer Befindlichkeit, fügen sich Instrumentalklang und Stimmen ineinander zu einem fein gewirkten, aber ungemein dicht gewebten Teppich musikalischen Rhetorik. Ihre affektgestättigte Eindringlichkeit erinnert von fern an Monteverdi - als blicke Sciarrino durch ein umgekehrtes Fernrohr auf das Genie am Beginn der Operngeschichte, durch das es unendlich fern, aber umso schärfer erscheint.

Banquos Geist, der im Bankett dem verwirrten Macbeth vom wandelnden Wald und jenem todbringenden Bezwinger berichtet, den keine Frau geboren habe, kleidet Sciarrino in die gleichsam "verschmutzten" d-Moll-Fanfaren des Komturs aus dem "Don Giovanni"; später trinkt die Hofgesellschaft auf ein Zitat aus Verdis "Maskenball" - die Musikgeschichte ist für Sciarrino ein Fundus, den zu hüten er als Verpflichtung empfindet, da sonst Haltlosigkeit droht - so wie Macbeth, der sich mordend aller Normen entwurzelt oder der wahnsinnigen Lady, die sich einspinnt in immer dieselbe vokale Floskel, minutenlang, ohne Ziel, bis zum Verlöschen in tonlosem Versinken.

So ist dieser "Macbeth" auch ein Stück über das Komponieren selbst, wobei Sciarrino alles andere ist als ein postmoderner Verwerter der Tradition. Dazu ist sein Personalstil zu ausgeprägt, die Sinnlichkeit dieser leisen Musik zu eindringlich. Bei all ihrem diffizilem, hoch artifiziellem Charakter birgt sie auch lustvolles Spiel mit dem Klang der Stimme, was sich bei dem hervorragenden Uraufführungsensemble in anrührender Weise mitteilte. Das gilt vor allem für den Bass Otto Katzameier, der sich als Stimmvirtuose sondergleichen erwies, aber auch für Annette Stricker als Lady, ebenso für Sonia Turchetta, Richard Zook und Thomas Mehnert in verschiedenen kleineren Rollen. Dazu ein sechsköpfiges Vokalensemble, das die madrigalhaften Tonwebereien der Hexengesänge und der Höflinge mit bravouröser Präsenz meisterte. Zu allem das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und Johannes Debus am Pult, der die exorbitant schwere Partitur mit staunenswerter Souveränität umzusetzen half.

Ein Riesenerfolg also für Schwetzingen, einmal mehr, weil diese Koproduktion mit der Oper Frankfurt und dem Festival Musica per Roma unter einem ungünstigen Stern stand. Achim Freyer ist ernsthaft krank und konnte die Endproben nicht leiten. Seine Assistentin Friederike Rinne-Wolf schulterte die schwere Aufgabe, Freyers Ideen zu Ende zu entwickeln, unterstützt auch von Klaus-Peter Kehr, dem Musiktheaterchef der Festspiele, dessen Engagement und wohl auch beruhigendem Zuspruch es zu verdanken ist, dass die Uraufführung überhaupt herauskommen konnte. Jetzt geht die Produktion nach Rom, dann nach Frankfurt, schließlich auch nach New York: Schwetzingen hat sich wieder einmal als ein Nabel in der Welt des neuen Musiktheaters erwiesen. sk
 

© Mannheimer Morgen – 08.06.2002