Neue Zürcher Zeitung
Samstag, 08.06.2002
Von Peter Hagmann

 
       Mörderischer Kreislauf

       «Macbeth» von Salvatore Sciarrino in
       Schwetzingen

       Prächtig (und prächtig erhalten) das Sommerschloss und
       sein ausladender französischer Garten, reizend (und
       ebenfalls sorgfältig instand gehalten) das kleine Theater,
       das aus einem der beiden geschwungenen Seitenflügel
       herauswächst. Nach Schwetzingen hat Carl Theodor, wenn
       ihm der Sommer in Mannheim zu heiss wurde, Residenz
       und Hofstaat verlegt. In Schwetzingen hat der Kurfürst
       seine Neigungen zu Musik und Theater ausgelebt. Und in
       Schwetzingen wird seit 1952 jedes Jahr, wenn der Spargel
       spriesst, ein kleines, aber sehr feines Festival
       ausgerichtet: vom Süddeutschen Rundfunk, der inzwischen
       zum Südwestrundfunk geworden ist. Wie es dazu kam und
       was es dabei gab - an Opern, Balletten, Konzerten -,
       davon berichtet ein grossformatiger, opulent bebilderter
       Band, den der Veranstalter zum Jubiläum herausgegeben
       hat. Den darin enthaltenen Verzeichnissen lässt sich
       entnehmen, dass sich in Schwetzingen nicht nur die jeweils
       musikalische crème de la crème eingefunden hat, dass
       vielmehr auch - manchmal vorsichtiger, manchmal
       profilierter - die künstlerische Innovation gepflegt worden
       ist.

       Im Musiktheater zumal. Da gab es etwa 1998 «Luci mie
       traditrici», die Oper von Salvatore Sciarrino, in der so
       unendlich leise gesungen und so unendlich zart gespielt
       wird und in der doch denkbar grösste dramatische
       Spannung herrscht; das Stück hat sich rasch verbreitet und
       wird immer wieder nachgespielt. Jetzt ist eine weitere Oper
       des 1947 geborenen Sizilianers aus der Taufe gehoben
       worden - und eine, die in besonderer Beziehung zu fest
       verankerten Traditionen steht. Bei «Macbeth» denkt man
       vielleicht an Shakespeare und gewiss an Verdi, was dazu
       geführt hat, dass Sciarrino 1976 seinen Plan einer neuen
       «Macbeth»-Oper fallen liess. Im Zeichen der normativen
       Avantgarde, erinnert sich der Komponist, wäre die
       Auseinandersetzung mit einem Teil des kulturellen Erbes
       als Regelverstoss geächtet worden. So hat «Macbeth» von
       Sciarrino ein Vierteljahrhundert warten müssen. Vielleicht
       zu seinem Vorteil, denn herausgekommen ist ein Stück,
       das in mancher Hinsicht noch konsequenter und radikaler
       vorgeht als «Luci mie traditrici».

       Höchste Künstlichkeit muss man sich da vorstellen. Die
       Melodielinien folgen dem Sprachduktus in keiner Weise,
       kleiden die Wörter und Sätze vielmehr in ganz eigenartige
       Gewänder. Gern bleibt die erste Silbe auf einem lange
       ausgehaltenen, von leisem Ansatz aus kontinuierlich
       lauter werdenden Ton liegen und fällt dann in eine
       Kaskade ausserordentlich rascher, wild gezackter
       Bewegungen. Was als kurz erscheint - die einzelne Silbe -,
       wird erst in die Länge gezogen; und was als länger
       bekannt ist - ein ganzer Satz -, wird dann in einen kurzen,
       heftigen Tonwirbel zusammengestaucht. Eine Art
       gehetzten, atemlosen Sprechens ist das, und getragen
       wird es nicht von einer Begleitung im eigentlichen Sinn,
       sondern von wenigen, oft nur hingetupften Tönen, von
       zögernden, tastenden Verläufen und von einer
       Klanglichkeit, die in reichem Mass durch Momente des
       Geräuschs geprägt wird. Für «Macbeth» ist ein solistisch
       besetztes Ensemble von zwei Dutzend Mitgliedern
       aufgeboten, wovon der grössere Teil im Graben, der
       kleinere auf der Bühne wirkt. Das ist nun insofern eine
       etwas prekäre Disposition, als in Schwetzingen - trotz dem
       hervorragenden Einsatz des Radiosinfonieorchesters
       Stuttgart unter der Leitung von Johannes Debus - die von
       der Partitur intendierten und mit hoher Kunstfertigkeit
       ausgearbeiteten Echowirkungen nur beschränkt
       wahrzunehmen waren.

       Eine Musik der Stille also, wie sie von Morton Feldman und
       Luigi Nono entwickelt wurde und wie sie neben Sciarrino
       etwa Helmut Lachenmann und Beat Furrer vertreten. In
       «Macbeth» kommt es nun allerdings auch zu eigentlichen
       Klangexplosionen, und sogar einen veritablen coup de
       théâtre gibt es hier - in einer der Gespensterszenen, in
       der Mozarts «Don Giovanni» und der «Ballo in maschera»
       von Verdi anklingen. Dennoch versteht sich, dass die
       blutrünstige Geschichte von Macbeth, der, getrieben von
       krankhaftem Ehrgeiz und seiner Gattin, erst seinen
       Lehnsherrn Duncan beseitigt, später, an die Macht
       gekommen, seinen treuen Mitstreiter Banquo ermorden
       lässt und endlich von seinem Rivalen Macduff selbst ums
       Leben gebracht wird - dass diese Geschichte nicht erzählt,
       sondern vorausgesetzt wird. Das vom Komponisten selbst
       verfasste Libretto kondensiert das Geschehen auf
       Schlüsselszenen und die entscheidenden Sätze. Damit wird
       der mörderische Kreislauf von Machtgewinn und
       Machtverlust als Kern der dramatischen Erfindung sichtbar.
       Zugleich ermöglicht es dem Komponisten, raffiniert mit
       Erinnerung und Bildungsgut zu spielen.

       Den von Sciarrino angelegten dramaturgischen Ansatz
       nimmt der Bühnenkünstler Achim Freyer kongenial auf.
       Vollkommen formalisiert das szenische Geschehen, die
       dramatis personae zu Figuren reduziert, die Emotionen in
       choreographierte Bewegungen und wenige Gesten
       umgesetzt - wie es Robert Wilson pflegt, nur ist die
       Handschrift Freyers deutlich vielseitiger und reichhaltiger
       als jene Wilsons. Besonderen Effekt macht in dieser
       Produktion einerseits das Spiel mit der Perspektive, das
       Menschen in einem Bühnenraum, der den Blick stark in die
       Tiefe zieht, als übergross erscheinen lässt, und
       andererseits die Umdrehung der Verhältnisse zwischen der
       Horizontalen und der Vertikalen. Tatsächlich erscheinen
       die Figuren an einzelnen Moment so, als schritten sie auf
       den Seitenwänden; die Bewegung zur Seite hin geht in
       diesem Fall nach oben, jene nach oben zur Seite hin. Für
       die Darsteller - unter ihnen Otto Katzameier als Macbeth
       und Annette Stricker als Lady Macbeth - und die
       Bühnentechnik bietet das eine Erschwerung, die in der
       einer Erkrankung des Regisseurs zufolge nur halbfertigen
       Schwetzinger Produktion allerdings blendend gemeistert
       wurde.

 
       Ein Arkadien der Musik. 50 Jahre Schwetzinger Festspiele
       1952-2002. Herausgegeben von Bernhard Hermann und
       Peter Stieber. Metzler, Stuttgart 2002. 322 S., Fr. 70.60.