Süddeutsch Zeitung
Samstag, 08.06.2002

Von REINHARD J.BREMBECK

Tödliches Falsett

Die Uraufführung von Salvatore Sciarrinos Oper „Macbeth“
wird bei bei den Schwetzinger Festspielen triumphal gefeiert
 
 

Vor vier Jahren erlebte der 1947 in Palermo geborene Komponist
Salvatore Sciarrino bei den Schwetzinger Festspielen mit der einstündigen
Oper „Luci mie traditrici“ (Meine verräterischen Augen) seine
Befreiung aus den engen Zirkeln der Neuen Musik, hin zum
großen Publikum. Das Stück erzählt elementar und fern aller
psychologischen Regeln der traditionellen Oper, wie der für seine
chromatisch überzüchteten Vokalstücke so berüchtigte wie
berühmte Renaissancekomponist Carlo Gesualdo seine Frau
samt Liebhaber ermordet. Seither wurden die „Luci“ oft
nachgespielt, sie sind auf CD erschienen – ein ungewöhnlicher,
ein grandioser Erfolg für die Oper eines lebenden Komponisten.

Dabei ist Sciarrinos Erfolg wenig überraschend. Nach dem Tod
von Luigi Nono und dem Tod von Franco Donatoni ist Sciarrino
der neben Luciano Berio bedeutendste Komponist Italiens. Ein
Meister, der in zahlreichen Musiktheaterstücken immer die
menschliche Stimme und die (bei ihm meist zerstückt geführte)
Melodie ins Zentrum stellt. So unterscheidet sich Salvatore
Sciarrino grundlegend von vielen seiner Kollegen, die
Schwierigkeiten beim Schreiben von Vokalmusik haben: Deren
Melodik windet sich meist rezitativisch bedeutungslos dahin und
fällt in der Qualität oft stark ab gegenüber der
Orchesterbehandlung.

Jaulen und Vibrieren

Nun kann man bei Sciarrino darüber streiten, ob der Vokalstil
instrumental oder sein Instrumentalstil vokal ist. Beide haben viel
gemeinsam und verweisen darauf, dass Sciarrino ein Manierist
ist, der nur über ein sehr kleines Repertoire an musikalischen
Gesten verfügt. Die allerdings kombiniert er, immer wieder
überraschend, in schier endlosen Varianten und verfeinert sie
von Werk zu Werk. Das alles garantiert die leichte
Wiedererkennbarkeit und Eingängigkeit seiner Musik. Hysterisch
zerrissen klingt seine Melodik, die in der Technik der messa di
voce an- und abschwellenden Haltetönen abrupte Abbrüche
entgegensetzt, aber auch Gezacktes, schnell Gewuseltes. Es
jault, eiert, vibriert; dazwischen zucken rotzig detonierende
Akzente. Eine Musik, die stets auf einen Höllensturz durch
glühende Kometennebel zielt; Klänge, die mit der
mitteleuropäischen Kunstmusik sehr viel weniger zu tun haben,
als mit den herben Tonfolgen jener traditionellen Musiken, die
gerade in den ärmsten Regionen nicht nur Europas anzutreffen
sind. Eine arte povera, die sich besonders gut dazu eignet,
grundlegende Wahrheiten und Probleme menschlichen Lebens
fern aller zivilisatorischen Überzeugung archaisch ungeschönt zu
beschreiben.

War das im Erfolgsstück „Luci mie traditrici“ die zerstörerische
Wucht der Eifersucht, so geht er in seinem nun bei den
Schwetzinger Festspielen, die dieses Jahr ihr fünfzigjähriges
Bestehen feiern, uraufgeführten „Macbeth“ der fatalen
Beziehung von Macht und (Blut-)Schuld nach. Sciarrino hat
Shakespeares Drama schlaglichtartig auf die wesentlichen
Szenen zusammengeschnetzelt. Ihn interessiert nur, welche
Verheerungen in einem Menschen – Macbeth und seine Lady sind
Sciarrino Ausformungen derselben Psyche – entstehen, wenn er
Karriere um jeden Preis machen will. Durch Sciarrinos
verschnörkelt arabeskenreiche Musik, die gerade dadurch
Wesentliches formuliert, gelingt ein kühnes, alle Schrecken der
Psychologie weit hinter sich lassendes Psychogramm eines
Karrieristen. Macbeth ahnt viel früher als die Lady: dass es eine
Gegenwelt aus Relikten von Erziehung gibt, dass verdrängte
Werte und Ängste immer weiterwirken, dass Gewalt gegen
andere auch immer als Gewalt gegen sich selbst empfunden
wird. Deshalb kann Macbeth im Gegensatz zu seiner Lady den
Mord an seinem Vorgänger nicht eiskalt zu Ende führen, deshalb
trifft die Lady die Rache ihrer Psyche umso plötzlicher und
verheerender, deshalb ist Macbeths Untergang lähmender und
länger.

Sciarrino erzählt zwei Stunden lang diesen Horror und folgt damit
den Intentionen Giuseppe Verdis, der schon für seinen
„Macbeth“ eine Ästhetik der Hässlichkeit andachte, aber sie in
den Fesseln von Tonalität, Tradition und auf Melos geeichter
Nummernoper nur unzureichend realisieren konnte. Trotzdem
gelang ihm eine seiner besten Opern. Wie bei Verdi soll auch bei
Sciarrino die Lady nicht wirklich singen, sondern farblos und
kaum hörbar ihre Wunde zeigen. Annette Stricker singt dennoch
und liefert damit ein zwar kompetentes, doch überkommenes
Rollenporträt ab. Dagegen beherrscht Otto Katzamaier in der
Titelrolle die Szene. Sciarrino fordert von ihm Basstöne genauso
wie Falsettgefistel. Ein Zerrissener, eine gespaltene Seele.
Gespalten auch das von Dirigent Johannes Debus zu Spannung
und Tonschönheit verführte Ensemble aus Mitgliedern des
Radiosinfonieorchesters vom SWR Stuttgart – obwohl im
Schwetzinger Rokokotheater die Balance zwischen den hinter
der Bühne spielenden MusikernoderSängern und denen im
Graben nicht immer optimal ist. Eine sinnige Spaltung, die die
zentrale These des Stücks illustriert, dass Unsichtbares und
Verborgenes für Menschen entscheidender ist als
Offensichtliches, Rationales.

Regisseur, Bühnenbildner und Maler Achim Freyer, der vor den
Endproben schwer erkrankt ist, verstärkt die Intentionen der
Partitur. Er hat mit wenigen Strichen und auf schwarzem Grund
einen von Türen gesäumten Gang entworfen, der, gibt man einer
optischen Täuschung nach, zugleich ein Schacht ist: Fahrstuhl
zum Schafott. Immer wieder erscheinen Personen um 90 Grad
gedreht im Raum. Ein wunderbarer Einfall, um beispielsweise das
Erscheinen von Banquos Geist (Richard Zook) sinnfällig zu
machen. Die andere Welt steht quer zur Realität, und nur
Macbeth kann Banquo sehen. Freyer reduziert, wie gewöhnlich,
Gesten und Bewegungen, er stilisiert und erinnert an asiatisches
Theater, er verkündet aus der Unbeweglichkeit seiner
marionettenhaft geführten Figuren die Wahrheiten der Seele.

Die zweitbeste Oper

So gehen Bühne und Partitur eine stimmig glückliche Synthese
ein – und werden vom Publikum ausdauernd enthusiastisch
bejubelt. Sciarrino hat einen neuen großen Bühnenerfolg
hingestellt, der ihn endgültig als einen der wichtigsten
Opernkomponisten heute ausweist. Doch ganz so stimmig wie
die „Luci mie traditrici“ wirkt der „Macbeth“ trotz seiner reicheren
und differenzierteren Klangwelten dann doch nicht.

Das hängt zusammen mit der linear chronologischen
Erzählstruktur, die trotz aller Reduktion diejenige Shakespeares
ist, und kaum vermittelt, wenn nicht sogar altmodisch bis sinnlos
wirkt. Es liegt auch an der längeren Dauer des Stücks, die
Sciarrinos Manieren, besonders in der Stimmführung, gelegentlich
penetrant oder abgenutzt erscheinen lassen, es liegt an der
plakativ vordergründigen Festszene, die teils einen festen Puls
kennt, teils mit Versatzstücken aus „Don Giovanni“ und
„Maskenball“ arbeitet. Es liegt aber auch an der Dramaturgie, die
eine Bogenform konstruiert und wenig originell auf Wiederholung
von Geschichte und Schicksalen abhebt. Doch all diese
Schwachstellen werden von einer stark beeindruckenden tinta
musicale übertüncht, von jener musikalischen Tünche, die schon
für Verdi das A und O eines gelungenen Opernprojekts war.