Die Welt
Samstag, 08.06.2002

50. Schwetzinger Festspiele: Sciarrinos "Macbeth" uraufgeführt

"Macbeth - Drei namenlose Akte" will in 100 pausenlosen Minuten so manches:
Shakespeare eine musikalisch kondensierte Dimension geben

Von Manuel Brug

Ein Stachel im Rokokofleisch. Draußen domestizierte Natur, zurechtgeformt als Bosquet oder Broderie, dazwischen plätschernde Bassins und weißgefasst erstarrte Sandsteinfiguren. Künstliche Harmonie, vollkommener Friede, nur die Enten quaken. Schloss, Moschee, Apollotempel, Westliches, Östliches, Mythisches, Universum auf engstem Parkraum, geschaffen vom Geist eines humanen, aber absolutistischen Zeitalters.

Drinnen im Theater, unterm kurpfälzischen Wappen mit Fürst Carl Theodors Initialen in Gold: Töne der heutigen Zeit, gar nicht harmonisch, oft ephemer, aber in ihrer Fülle von betörend polyphoner Vielfalt. Geistige wie leibliche Genüsse: Vor dem Schloss verkaufen sie Spargel, hinten im Park riecht, nein stinkt der Bärlauch, mittendrin, im rechten Rund der Zirkelgebäude, gibt es Oper, Theater, Ballett.

Seit 250 Jahren ist das in Schwetzingen so. Doch nach der lange verwehten Zeit fürstlicher Plaisirs wurde der arkadische, nur touristisch gestörte Dornröschenschlaf erst vor 50 Jahren zu Gunsten der Künste wieder unterbrochen. Ganz ohne geistiges Programm, einfach der Schönheit des Ortes wegen, gründete der damalige Süddeutsche Rundfunk, inzwischen zum Südwestrundfunk fusioniert, hier Festspiele. Das Rokokotheater hat kaum 450 Plätze, doch die Vorstellungen wurden in die ganze Welt übertragen. Und mehr noch. Der damaligen Zeit gemäß, sollte neben der Erbauung auch die Bildung stehen. Eine Schwetzinger Dramaturgie konzentrierte sich, in letzter Zeit wieder stärker profiliert, auf Wiederentdeckungen der Barockoper und meist koproduzierte Uraufführungen zeitgenössischer Musiktheaterwerke. Stücke von Egk, Henze, Fortner, Blacher, Bernd Alois Zimmermann, Klebe, Reimann, Bialas, Udo Zimmermann, Kelterborn, von Bose, Liebermann, Katzer, Trojahn, Matthus gingen von hier aus in die Welt. Das fürstliche Hoftheater als Fixpunkt des bedeutendsten Funkfestivals - und einer in der Rückschau wenig angegilbten, sehr bühnenpraktikablen Moderne.

Den letzten großen Erfolg feierte hier 1998 der 55-jährige Sizilianer Salvatore Sciarrino mit seiner oft nachgespielten "Tödlichen Blume", einem fein verästelten Melodram um den kaum verfremdeten Mord des komponierenden Fürsten Gesualdo di Venosa an seiner untreuen Frau. Und Sciarrino durfte zum Jubiläum auch die 32. Opernuraufführung beisteuern. Sein "Macbeth - Drei namenlose Akte", an dem er seit 1976 plant, will in 100 pausenlosen Minuten so manches: Shakespeare eine musikalisch kondensierte Dimension geben; über das Vorbild Verdi hinausweisen, der sich in seiner radikalen Vertonung an die Konvention halten musste; schließlich archetypisch den Mechanismus vorführen, von dem alle Massaker, alle Toten der Weltgeschichte herrühren.

Achim Freyer, in Schwetzingen vielfacher Regiegast, hat - obwohl schwer erkrankt - solches ritualhaft in den Schwarzweiß schraffierten, perspektivisch sich verjüngenden Schlosssaal eines Kasperletheaters gestellt. In dem die bleichen, stilisiert pompösbunt von Amanda Freyer kostümierten Personen liegend aus dem Boden oder der Decke fahren, hereingekippt werden oder durch Luken glotzen. Eine Welt auf dem Kopf, wo Hexen prophezeien und schließlich der Wald zu laufen beginnt.

Sciarrino hat seinen neogalanten, sehr persönlichen Stil zwischen Arte Povera und rhetorisch ziseliertem Madrigal-Manierismus eindrücklich-spröde verfeinert. Einen "alten Geruch nach Blut" soll er verströmen. Die im Graben und hinter der Bühne platzierten 28 Musiker des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart unter dem umsichtigen Johannes Debus spielen nur bei der mit Verdi- und Mozart-Zitaten durchwirkten Erscheinung des Geistes beim chaotischen Bankett im Mittelakt laut und im Tutti zusammen. Ansonsten splisst der Klang sich wellenförmig auf in beschwörendes Flüstern, Zischen, Rascheln.

Nervöse Mikroglissandi sorgen für einen bewegt zerbrechlichen Untergrund. Darüber die monoton klagend in kleinen, schnellen Intervallen sich bewegende Gesangslinie, wie sie von den fünf Solisten nebst Mini-Chor vor allem der prägnante Otto Katzameier und die nimmermüde Annette Stricker als wüstes Königspaar perfekt beherrschen. Mechanik des Mordens - sehr künstlich ferngerückt. Was freilich vermag Anklage auszurichten, wenn hernach Mondlicht sanft über Schwetzinger Rabatten schläft?