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Neue Ruhr Zeitung
Dienstag, 03. Juni 2003
  Kuck mal Fassbinder

 PREMIERE / Alarmierend und ultra-leicht: Der Wuppertaler Intendant inszenierte "Katzelmacher", die gleichnamige Oper Kurt Schwertsiks, nach dem aggressiven und famosen Rainer Werner F.-Text.

WUPPERTAL. Sie lungern herum, stehen im Abseits, vor einem rostigen Geländer und kurz vor dem Abgrund. "Was ist das für einer?" Die jungen Erwachsenen in biedermiefigen Klamotten der 60er Jahre werden erst wach als ein Ausländer in ihren Alltagstrott eindringt. Wahrscheinlich Italiener. Nein, Jorgos ist Grieche. Egal, "er stinkt jedenfalls" und schnappt den Halbstarken in einem oberbayrischen Dorf die Mädchen vor der Nase weg. Misstrauen, dann Hass und brutale Aggression, besonders aber Ahnungslosigkeit über Herkunft und Kultur der Fremden kennzeichnen wohl nicht nur die Epoche des Wirtschaftswunders, in der Rainer Werner Fassbinder seinen "Katzelmacher" schrieb. Wenn sich auch die Mechanismen der Ausländerfeindlichkeit seit der Uraufführung in München 1968 verfeinert haben, so hat der Fassbinder-Text an seiner alarmierenden Wirkung nur wenig eingebüßt.

Wie man die in Vulgärsprache verpackte Botschaft jedoch verharmlosen und - unfreiwillig - parodieren kann, ist jetzt in Wuppertal zu erleben. Zwar unterhaltsam, flott, aber doch seicht und ultralight kommt die gleichnamige Oper von Kurt Schwertsik über die Rampe, die Intendant Gerd Leo Kuck inszeniert hat. Weniger als Musiktheater, mehr wie ein Kaleidoskop.

Licht an, Licht aus

In pausenlosen 80 Minuten jagen Miniszenen vorüber. Wie Bruchstücke wirken die hektischen Filmschnitte und die verächtlichen Satzfetzen, mit denen die Dorfjugend die Ankunft des Neuen quittiert. Durch den fliegenden Szenenwechsel mit reichlich viel "Licht an, Licht aus" kommt es nie zu Fassbinders beklemmender Konfrontation zwischen Bekanntem und Fremdem. Überwiegend in Sprechgesang oder in knappen Rezitativen gehalten, so werden auch musikalische Stimmungen nie richtig aufgebaut und ausgelebt. Jagender Rhythmus à la Strawinsky oder Schostakowitsch, eine Prise Musical-Melodie, besonders aber Jazz verquirlt Schwertsik zu seiner keuchenden Collage, mehr Stück als Werk. Die Bezeichnung Oper ist Etikettenschwindel. Leicht zugänglich ist das Sammelsurium an Musikstilen zwar, aber ohne große Bögen und langen Atem lässt sich kaum die dramatische Spannung aufbauen, die dem kraftvollen Genius Fassbinder gerecht würde. Lediglich, wenn die Dorfbewohner in einer Kirche heuchlerisch mit dem Fremden die Oster-Messe zelebrieren, entlarvt die Atmosphäre, wie weit Ausländerfeindlichkeit damals ging.

Vielleicht schwebte Kurt Schwertsik, Jahrgang 1935 und Sohn eines Wiener Schneider-Ehepaares, beim Komponieren ja eine Katzelmacher-Comedy vor. Denn so wirken die ewigen Ausrufe "Und sonst nicht, und sonst nichts". Zu Kalauern, die kräftiges Lachen provozieren, geraten gar die Fassbinderschen Obszön-Tiraden, "Ficki-Ficki" inklusive. Ähnlich unbeholfen sprechen und singen die Mimen, wenn sie die Eigenarten des Fremden betrachten, gleichsam fasziniert, abgestoßen und neidisch sind die Jungs, wenn sie das Ausmaß eines Griechen-Geschlechts beschreiben.

Wacker durch den Mischmasch

Das kleine Wuppertaler Sänger-Ensemble ist zwar beachtlich, doch können bei einer derartigen Partitur die sonst so hervorragenden Solisten wie Dariusz Machej und Thomas Laske nur Kostpröbchen ihres Könnens geben - wie auch das Orchester unter Martin Braun, das sich wacker durch den Mischmasch an Klängen arbeitet. (NRZ)

02.06.2003    MICHAEL-GEORG MÜLLER
 



Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Milena Holler
Helga

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