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Stuttgarter Nachrichten
Mittwoch, 04. Juni 2003
Uraufführung von Kurt Schwertsiks Fassbinder-Oper "Katzelmacher" in Wuppertal
Die große Langeweile an der Bushaltestelle

Immer häufiger reagiert das Musiktheater auf den Siegeszug des Kinos und das Fernsehen im 20. Jahrhundert. Video-Opern etablierten sich als ein inzwischen eigenständig gewordenes Genre. Auch die Filmgeschichte gibt Stoff für neues Musiktheater her: Giorgio Battistelli komponierte nach Fellinis wunderbar chaotischem Film "Prova d"orchestra" für Straßburg eine neue Oper. Und unlängst erwachten in Schwetzingen durch die Fortschreibungen des jungen Stuttgarter Komponisten Fredrik Zeller mit "Irma Vep" Louis Feuillades "Vampires"-Stummfilmszenen zu neuem Bühnenleben.

Die Wuppertaler Bühnen zogen jetzt nach - mit "Katzelmacher", einem Rekurs auf das sozialkritische Kammerspiel von 1968, das sein Autor Rainer Werner Fassbinder selbst verfilmte. Kurt Schwertsik, ein notorisch schräger Meister der neuen und neutonalen Musik aus Wien, verpasste der Folge kurzer, hart geschnittener Szenen aus der süddeutschen Kleinstadt eine nostalgietriefende Tonspur: Kurt Weill stand Pate. Noch einmal demonstrierte Schwertsik seinen eigentümlichen Witz, der in einer geflüsterten Kirchenszene Schärfe entwickelt. Mit Verve pointiert er die Liebesbedürfnisse und den Sexualneid. Jede Nummer folgt einem musikalischen Gedanken, konstituiert sich aus einer (mitunter gebrochenen) Geste und einem Affekt. Intendiert ist damit die Fortschreibung des "gestischen Theaters" aus der Mitte des 20. Jahrhunderts - tief moralisch begründet und höchst eindeutig zielgerichtet.

Franz, Erich, Paul und ihre wechselnden Mädchen stehen herum - große Langeweile, Nichtigkeit und Naivität hält sie zusammen an der Wartestange bei der Bushaltestelle. "Einen Durst hab" ich", erklärt einer der eigentlich ganz netten jungen Männer in die Leere hinein, in die er mit seinen Kumpels hinausglotzt.

Außer Durst, gegen den das Bier aus den Flaschen mit dem klassischen Schnappverschluss hilft, hat er auch eine Lohnkürzung bekommen. Gegen die gibt es keine rasche Abhilfe wie gegen die Frustrationen, bei denen Ingrid gegen eine Aufbesserung ihres Taschengelds Erleichterung verschafft.

Fassbinders Stück folgt einer simplen, unerbittlichen Mechanik. Die jungen Leute im wirtschaftsboomenden Deutschland, dessen gesellschaftlicher Hauptstrom sie rechts liegen lässt, mögen keine Hereingeschmeckten. Und Jorgos, den sie zuerst für einen Italiener halten, irritiert sie besonders, weil er - wie durch seinen Zimmer-Mitbewohner und dann durch die Überläuferin Marie bekannt wird - "besser gebaut ist am Schwanz". Man macht Front gegen den "Katzelmacher", der allerdings unter der besonderen Protektion der aufstrebenden Unternehmerin Elisabeth Platter steht. Die anderen schaukeln sich in ihren Aversionen gegen den Gastarbeiter aus Griechenland hoch: "Kastrieren sollte man ihn - und sonst gar nichts." Sie verspotten sein unbeholfenes, gebrochenes Deutsch. Und irgendwann schlagen sie ihn zusammen.

Die Inszenierung des Wuppertaler Intendanten Gerd Leo Kuck in Herbert Kapplmüllers historistisch genauer Kostümierung hebt den Lehrstück-Charakter dieser Oper hervor. Die guten Absichten sind nicht zu überhören und zu übersehen. Doch Dumpfdeutschland ist heute keine solche Idylle mehr.Frieder Reininghaus

Aktualisiert: 04.06.2003, 05:06 Uhr
 



Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Milena Holler
Helga

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