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Westdeutsche Allgemeine
Dienstag, 03. Juni 2003
Eine Ordnung muss doch wieder her


Szenen aus der Provinz: Langeweile führt zu Gewalt. Der verprügelte Grieche geht zum Schluss nach Hause, weil er nicht mit einem Türken arbeiten will. Bild: Milena Holler 
WAZ Wuppertal. Kann man Rainer Werner Fassbinders 1968 uraufgeführtes Antitheater "Katzelmacher" singen? Eignen sich Ausländerfeindlichkeit und Gewalt fürs Musiktheater? Kurt Schwertsiks neue Oper, in Wuppertal mit Beifall bedacht, ist nicht so simpel, wie sie scheint.

Fassbinders einfache Sprache, mit der er das sinnentleerte Leben einer jungen Provinzclique spiegelt, ist voller Floskeln. Die Menschen wissen nicht, was sie tun sollen, blicken mit Neid auch auf die männliche Potenz des griechischen Gastarbeiters, den sie niederprügeln. Sie sagen "Eine Ordnung muss wieder her".

Der 1935 geborene Österreicher Schwertsik, der in einer seltsamen Operette den "Ewigen Frieden" besang und mit dem Märchen "Fanferlieschen Schönefüßchen" bezauberte, macht aus einer Floskel wie "Und unsereiner der hat nix" ein Terzett, das die Dummheit spiegelt. Er arbeitet mit Leitklängen: bajuwarisch Angehauchtes nach dem Vorspiel auch für die Machos und Mädels, ein tristes Akkordeon als Symbol für den Griechen.

In den Kurzszenen kommt es - typisch für Schwertsik: stilistisch unbekümmert, auch versöhnlich mit tönenden Klischees kokettierend - zu Wiederholungen, die letztlich zeigen, dass diese Menschen im Stillstand ihre Aggressionen schüren. Das ist zwar manchmal langweilig, aber nicht unbedacht - oder gar anbiedernd. Der musikalische Höhepunkt ist die Kirchenszene mit dem scheinheiligen Choral, mit dem quäkenden Blech als Priesterstimme.

Was man von der Musik nicht sagen kann: Fassbinder atmete revolutionären Geist. Auch sein Film "Katzelmacher" (das ist übrigens ein sehr altes Schimpfwort für eingewanderte italienische Arbeiter) verweigert sich der Aktion. Die Clique plänkelt gelangweilt über Sex herum, macht sich etwas vor; die Entladung der Gewalt ist der Höhepunkt des Dramas und des Films. Da spürt man in der Oper, dass Schwertsik für provokative Verletzungen zu lieb ist.

Der in der Personenführung genau arbeitende Regisseur und Intendant Gerd Leo Kuck hält sich dicht an die Vorlage. Man lehnt am Geländer. Immer wieder. Zwischen Kollektivzwang und Individualität gewinnen die zehn Figuren eigene Profile. Das vorzügliche Ensemble (Dariusz Machej zeigt in der von Fassbinder verkörperten Rolle einen sanften Griechen Jorgos) ist wendig und stimmlich flexibel. Schnell wechseln die Szenen im differenzierten Licht. Herbert Kapplmüllers Bild zeigt eine Silhouette, zeigt immer wieder Ausschnitte. Das ist kunstvoll. Das schafft Atmosphäre.

Am Pult des Sinfonieorchesters Wuppertal macht sich Martin Braun mit Pointierungslust und Prägnanz stark für die Musik Schwertsiks, der ein Außenseiter der Szene ist. Schon seine "Liebesträume" wurden 1962 in Darmstadt belächelt.

Schwersiks "Katzelmacher" (gefördert aus dem Fonds "Neues Musik-Theater" des NRW-Kultursekretariats) ist nicht radikal. Die Oper trifft den Ton des Volksstücks. Und ist damit dann wieder nicht so weit entfernt von Fassbinder.
 

02.06.2003   Von Michael Stenger



Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Milena Holler
Helga

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