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Westfälische Rundschau
Dienstag, 03. Juni 2003
  "Katzelmacher" als keuchende Klang-Collage


"Katzelmacher"-Szene mit (v. li.): Tina Hörhold, Olaf Haye, Stefanie Schaefer und Thomas Laske. (Bild: Milena Holler)

Wuppertal. Sie lungern herum, stehen im Abseits, vor einem rostigen Geländer und kurz vor dem Abgrund. "Was ist das für einer?" Die jungen Erwachsenen in biedermiefigen Klamotten der 60er Jahre werden wach und böse, als ein Ausländer in ihren Alltagstrott eindringt. Wahrscheinlich Italiener? Nein, Jorgos ist Grieche. Egal, "er stinkt jedenfalls" und schnappt den Halbstarken in einem oberbayerischen Dorf die Mädchen weg.
 

Ahnungslosigkeit über Herkunft und Kultur der Fremden, Misstrauen, Hass und brutale Aggression kennzeichnen wohl nicht nur die Epoche, in der Rainer Werner Fassbinder sein Stück "Katzelmacher" schrieb, das er später selbst verfilmt hat. Wenn sich auch die Mechanismen der Ausländerfeindlichkeit seit der Uraufführung in München 1968 verändert haben, so hat der Text an alarmierender Wirkung kaum eingebüßt.

Wie man die in Vulgärsprache verpackte Botschaft jedoch durch dahingaloppierende Rhythmen verharmlosen und damit - unfreiwillig - parodieren kann, das ist jetzt in Wuppertal zu erleben. Zwar unterhaltsam, flott und in Maßen witzig, aber doch seicht und ultralight kommt die "Katzelmacher"-Oper von Kurt Schwertsik daher, die Intendant Gerd Leo Kuck inszeniert hat.

In pausenlosen 80 Minuten jagen Miniszenen nach Art von Videoclips vorüber. Wie Bruchstücke wirken die hektischen und verächtlichen Satzfetzen, mit denen die Dorfjugend die Ankunft des Neuen quittiert. Durch den fliegenden Szenenwechsel (der durch "Licht an, Licht aus" manchmal an Amateurtheater erinnert) kommt es nie zu Fassbinders beklemmender Konfrontation zwischen Bekanntem und Fremdem. Überwiegend in Sprechgesang oder in knappen Rezitativen gehalten, werden auch musikalische Stimmungen nie richtig aufgebaut und ausgelebt. Jagender Rhythmus à la Strawinsky oder Schostakowitsch, eine Prise Musical-Melodie, besonders aber Jazz - all das verquirlt Schwertsik zu seiner keuchenden Collage, die eigentlich nur Stückwerk ist. Die Bezeichnung Oper ist Etikettenschwindel.

Leicht zugänglich ist das Sammelsurium an Musikstilen zwar, aber ohne große Bögen und langen Atem lässt sich kaum die dramatische Spannung aufbauen, die dem kraftvollen Genius Fassbinder gerecht würde. Lediglich wenn die Dorfbewohner in einer Kirche heuchlerisch mit dem Fremden die Oster-Messe zelebrieren, verdichtet sich die Atmosphäre.

Ausländerhass der obszönen Art

Vielleicht schwebte Kurt Schwertsik, Jahrgang 1935, beim Komponieren ja eine Comedy vor. Möglich wär´s. Zu Kalauern, die kräftiges Lachen provozieren, geraten gar die Fassbinderschen obszöne Tiraden, "Ficki-Ficki" und "Vögeln" inklusive. Ähnlich unbeholfen sprechen und singen die Mimen, wenn sie die Eigenarten des Fremden betrachten, gleichermaßen fasziniert, abgestoßen und neidisch sind die Jungs, wenn sie das enorme Ausmaß des Geschlechtsteils des Griechen beschreiben.

Das kleine Wuppertaler Sänger-Ensemble ist zwar beachtlich, doch können bei einer derartigen Partitur die sonst so hervorragenden Solisten wie Dariusz Machej und Thomas Laske nur Kostpröbchen ihres Könnens geben - wie auch das Orchester unter Martin Braun, das sich wacker durch den Mischmasch an Klängen arbeitet.

02.06.2003   Von Michael-Georg Müller



Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Milena Holler
Helga

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